Mit einer Karawane durch die Wüste

Marrakesch
Marrakesch

Nach der Ankunft in Marokko verbringen wir den Folgetag in Marrakesch. Vorbereitung auf die Karawane. Akklimatisierung. Lassen uns treiben. Zeit zur freien Verfügung. Die Medina beeindruckt mit Gauklermarkt und den legendären Souks. Bunte Märkte in engen, verwinkelten Gassen.

Am Tag danach bringt uns ein Bus über den Hohen Atlas und Antiatlas zur Oase Foum Zguid. Nach spätem Mittagessen bringen uns Jeeps über sandige Pisten in die Wüste. Bei Dunkelheit erreichen wir unser Lager. Die Zelte sind bereits aufgebaut, das Abendessen vorbereitet. Bei Windstille suche ich mir einen Schlafplatz auf einer Düne. Über mir spannt sich ein prächtiger, nie gesehener Sternenhimmel auf. Keine Begrenzung durch Häuser oder Berge. Keine störenden Lichtquellen weit und breit. Sternschnuppen ziehen ihre Bahn. Die Wüstenreise hat begonnen.

Kamele packen
Kamele packen

Nach dem Frühstück suchen wir uns ein Kamel, mit dem wir die nächsten Tage gemeinsam gehen wollen. Lasse es auf mich zukommen, vertraue, dass mich das richtige Tier findet. Viele Kamele haben schon einen Besitzer gefunden. Ein großes Lastkamel liegt noch am Boden. Voll bepackt. „Das ist es!“ 
Stehe neben ihm. Ruhig schauen wir uns an. Spüre eine große Kraft in ihm. Gleichzeitig ist da Stille. Berührt laufen mir Tränen über das Gesicht. Ein kurzer Zug am Führstrick und das Tier erhebt sich. Die gefühlte Kraft wird noch stärker, überträgt sich auf mich. Wir gehen eine wunderbare Verbindung ein. In den nächsten Tagen wachsen wir zusammen. Gleichzeitig laufen wir los, gleichzeitig bleiben wir stehen. Im Geist verbunden. Benötige keinen Strick mehr zum ziehen. Und doch ist er wichtig. Denn über ihn bremst mich das Kamel immer wieder aus. Spannung am Seil zeigt mir, dass ich zu schnell bin. Dabei könnte das Kamel ohne weiteres schneller gehen. Von einer Teilnehmern höre ich dasselbe. Der Abstand zu den Vorderleuten vergrößert sich stark. Zu Beginn versuche ich durch schnelleres Gehen, den Anschluß wieder herzustellen. Es gelingt durch Kraftaufwand und ziehen am Kamelstrick. Unbefriedigend. Dann lasse ich mich ganz auf den Rhythmus ein. Ein Phänomen entsteht. Plötzlich sind wir wieder an den Vorderleuten dran. Mühelos. Dabei sind wir weder schneller geworden, noch wurde vorne eine Pause eingelegt. Erkenntnis. Ich kann durch Anstrengung weder gewinnen noch verlieren. In meinem Tempo bin ich im Flow. Die Dinge geschehen in Leichtigkeit.

Berber beim Kochen
Berber beim Kochen

Unsere Berber verwöhnen uns mit leckeren Speisen. Täglich backen sie frisches Brot. Gemüse, Salate, Datteln, Feigen, Nüsse, getrocknete Aprikosen, frische Orangen, Äpfel, Mandarinen und Bananen lassen keine Wünsche offen.  Dazu gibt es Reis, Couscous oder Nudeln. Gesüßter Ingwer- oder Minztee erfrischen nach der Wanderung. Manchmal gibt es Chai. Kaffee mit Zucker und Gewürzen.

Für drei Tage können wir ins Retreat gehen. Bekommen ganz alleine einen Platz in der Wüste. Eine große Gruppe marschiert am Mittag los. Bei starkem Wind und Sandflug. Mit zwei Frauen entscheide ich mich, erst am nächsten Tag zu gehen. Mit dem neuen Morgen hinaus in den Tag. Das Prozedere der Nahrungsverteilung ist anders als zuvor. Durch zusätzliche Missverständnisse bin ich ab dem Frühstück des zweiten Tages ohne Essen. In meinem Kopf tanzen Dämonen zum Fest. Alte Themen und Emotionen tauchen auf. Auf meiner Matratze unterm Sonnenschutz liegend erkenne ich die Unsinnigkeit. Die Schönheit der Natur und des Augenblickes verschwindet hinter dieser Dunkelheit. Passend dazu hängt mir mein Cheche, das lange Wickeltuch für den Kopf, lose übers Gesicht. Als Schutz gegen Fliegen. Er nimmt mir zusätzlich die Sicht. Ziehe ihn ab und setze mich aufrecht auf mein Kissen. Sofort ist die Schönheit wieder da. Vor mir bewegen sich die Zweige eines Busches sanft im Wind. In der weich geschwungenen Düne zeichnen sich Muster ab. Augenblick. In mir spüre ich Zuversicht. Zuversicht und Vertrauen, dass ich noch heute Essen bekommen werde. Meine Fahne habe ich schon längst eingeholt. Vereinbartes Zeichen, dass ich Unterstützung brauche. Doch niemand kommt.
Plötzlich bekomme ich den Impuls, mit Decke und Kissen einige Dünen weiter zu wandern. Finde einen schönen Platz im Schatten eines großen Busches. Perspektivenwechsel. Auf einmal sehe ich Kamele in der Ferne. Vielleicht 300 Meter entfernt. Schau ihnen zu. Da taucht plötzlich ganz in der Nähe der Kopf eines großen Kamels über einer Düne auf. 
„Dieses Kamel wird meine Bestellliste überbringen!“
Sofort springe ich auf, eile zu meinem Platz. Schreibbuch, Kugelschreiber, Schnur, Messer und Orangenschalen suche ich zusammen. Eile eine Düne vor mir hinauf. Schon hat sich das Kamel entfernt, bleibt aber stehen und blickt zu mir herüber. Aus der Dynamik spüre ich, dass das Tier zurück ins Lager geht. Winke mit den Orangenschalen und renne die Düne hinunter. Dabei verliere ich das Kamel aus dem Blick. Eile um den Sandberg herum. Tatsächlich, es kommt mir entgegen. Schnell sind die Orangenschalen aufgefressen. Halte das Kamel mit einer Hand am Halsstrick. Mit der anderen krame ich Buch und Stift hervor. Bin noch beim Schreiben, als das Tier loszieht und mein Kugelschreiber versagt. Spreche mit dem Kamel, reiße den Zettel aus und suche jetzt nach Schnur und Messer. Dabei fällt mein Buch herunter. Neugierig schnuppert das Kamel daran, was mir etwas Zeit verschafft. Doch schon will es wieder weiter. Erzähle ihm, dass es noch einen Moment warten und meinen Zettel ins Lager bringen soll. Es bleibt stehen. Befestige den Zettel am Halsstrick. Nicht gerade  auffällig. Egal. Schon marschiert es zielstrebig davon. In mir breitet sich Hochgefühl aus.
Liege auf meinem Platz, zufrieden mit mir und dem Leben. Nicht lange und ich höre Stimmen. Zwei Berber treiben auf der anderen Seite Kamele ins Lager. Nun könnte ich meine Fahne schwenken und sie würden es sehen. Doch ich beschließe, meinem Kamel zu vertrauen.

Kamel
Kamel

Es dauert nicht lange und einer der Berber bringt mir eine Tasche mit Essen. Viel mehr als ich bestellte. Im Nachhinein erfahre ich, dass alle im Lager aus dem Staunen nicht mehr heraus kamen. So etwas hatten sie in all den Jahren noch nicht erlebt. Das Kamel lief schnurstracks auf die Männer zu und hielt ihnen den Zettel buchstäblich vor die Nase.
Lektionen für mich.
„Das Leben sorgt immer für mich.“
„Ich bekomme mehr als ich erwarte und benötige.“
„Vertraue dem Leben, wenn sonst Niemand da ist, schickt es mir eben ein Kamel.“

Am Abend begleite ich die Sonne mit Tönen in ihrem Untergang. Archaisch. Fühle mich wie ein Eingeborener, der hoch auf der Düne oder einem Felsen sitzt und ins Land schaut. Einfach nur schaut. Es gibt nichts zu tun. So einfach ist das Leben. Die Sonne verschwindet. Langsam malt sich der Himmel in immer bunteren und tieferen Farben. Die Sichel des Mondes taucht auf. Es wird kalt. Entzünde ein Feuer. Starker Wind kommt auf. Sitze bis tief in die Nacht am Lagerfeuer. Holz gibt es genug durch abgestorbene Büsche. Blicke von meiner Matratze aus in den prächtigen Sternenhimmel. Alleine. Wunderbar. Sternschnuppen eilen übers Firmament. Mir fehlt nichts.

Am nächsten Tag sollen wir am Mittag abgeholt werden. Beim Sonnenaufgang sehe ich meine Nachbarin ihre Fahne entfernen. „Geht sie schon? Bin ich jetzt ganz alleine? Sind die anderen auch schon zurückgegangen?“ Sinnlose Fragen, die mir durch den Kopf gehen. Setze mich mit Wüste auseinander. Was ist das eigentlich, Wüste? Seit Tagen versuche ich vergeblich, das zu erfahren. Jetzt, mit dem Gefühl des ganz Alleinseins erfahre ich ihre Lebensfeindlichkeit.
„Was, wenn ich vergessen wurde?“ Die Sonne steht schon hoch am Himmel. Lasse mich auf dieses Gedankenspiel ein. „Was würde ich tun?“ Brauche nicht zu überlegen. Würde immer Richtung Osten gehen. Dort liegt die Oase. Wahrscheinlich wäre der Weg zu weit. Staune. Keine Angst vorm Sterben. Der Tod ist mein Freund. Schon mehrfach hatte ich es erfahren und beschreibe es auch in meinem Buch.
Zwei Berber treiben ihre Kamele heran. Doch dann biegen sie ab und verschwinden hinter einer Düne. Entschlossen packe ich meine große Tasche zusammen. Zwei leere Wasserkanister binde ich an meinen Rucksack, setze ihn auf meinen Rücken. Die Tasche wuchte ich auf meine Schulter, stemme die Faust zur Unterstützung in die Hüfte. Begebe mich zum Lager. Auf halbem Weg komme ich mir vor wie ein Cowboy, der seinen Sattel durch die Wüste trägt. Sein Pferd verstarb bereits. Wollte schon immer wissen, warum er den Sattel nicht liegen lässt. Es geht doch um sein Leben. Da dürfte der materielle Wert nicht ins Gewicht fallen. Sofort ist mir der Grund klar. Der Sattel ist seine Heimat. Seine Hoffnung, seine Zuversicht. Mit ihm lebt er, mit ihm stirbt er.
Im Lager werde ich begeistert empfangen. Es hätte toll ausgesehen, wie ich mit meiner Tasche ganz alleine angelaufen kam.

Zu schnell sind die Tage um. In der letzten Nacht bringt ein Sandsturm so manche Frau an ihre Grenzen. Zeltwände knallen und flattern. Selbst im Zelt überall Sand. In der Luft, im Schlafsack, in der Nase. Manche verbalisieren ihre Angst. Mein Nachbar schnarcht schon und ich schlafe in dieser Nacht so gut wie keine zuvor.

Felsformation Hoher Atlas

Seit einer Woche bin ich wieder hier. Es arbeitet immer noch in mir. Diesmal kann ich es überhaupt nicht greifen. Ahne nicht einmal, was da wirklich geschah. Spüre einen deutliche Abneigung gegen Internet und soziale Medien. Viel zu viel Input, viel zu viel leerer Inhalt. Aussagen, die oft schon in sich nicht stimmig sind und ohne die die Welt nicht ärmer wäre. Weniger ist manchmal mehr. Versuche zukünftig noch mehr auf Qualität und nicht auf Quantität zu setzen.

Die Wüste spiegelt sich auch in meinen Behandlungen wieder. Noch stiller und klarer. Wunderbar. Und doch, ich hätte mir mehr Ruhe gewünscht. Nicht so viele Unterhaltungen. Hätte gerne noch mehr von dieser Wüste in mir erfahren. Ständig ist sie in Auflösung begriffen. Wenn ich Sand in meiner Hand festhalten will, rinnt er mir davon. Der Wind treibt ihn durch die Luft. Nichts, aber auch gar nichts bleibt wie es ist. Das Leben lässt sich nicht kontrollieren. Auflösung, immer wieder Auflösung. Am Abend ziehen viele Spuren unserer Teilnehmer durch den Sand. Am nächsten Morgen ist nichts mehr davon übrig. So sollte unser Leben sein. Möglichst keine Spuren hinterlassen. Im positiven Sinne. Keinen Müll, kein Leiden und keinen Schmerz durch unser Denken, Reden und Handeln verursachen und unbemerkt liegen lassen.
So wie die Rallys, die wir in dieser Zeit erlebten. Graben tiefe Furchen in die Pisten. Für alle Zeiten. Flugsand füllt sie auf, für die Bewohner nicht mehr befahrbar. Neue Pisten entstehen. Die Wüste hat ein sehr empfindliches Mikroklima, das keine Abgase verträgt. Gedankenloses, sinnloses Wirken einer Spaßgesellschaft, die vor Langeweile nicht weiß wohin mit ihrer Zeit und ihrem Geld.

Traurig.

 

 

2 Antworten auf „Mit einer Karawane durch die Wüste“

  1. Sehr beeindruckende Erlebnisse, und wunderbar geschrieben!
    Die Natur, die Inspiration, die Lektionen, die einen das Leben auf Reisen lehrt und allen voran… das Abenteuer!
    Ja, diese Tollkühnheit, eine Mitteilung per Kamel zu senden. Ein Hauch von Karl May wehte mir während des Lesens entgegen!
    Wirklich schön, und ich freue mich darauf, mehr davon zu hören.

  2. Die Stärke eines Kamels und das Eigenste spüren, so dass die Tränen fleißen, das ist die wahre Begegnung mit dem eigenen Selbst dieses einen wunderbaren Augenblicks. Die Wüste erinnert mich an das Meer. Wellen aus Wasser oder Wellen aus Sand. Beides ist pure Bewegung der Einfachheit. Deine Reise war dies alles. Bewegung. Einfachheit und DU mittendrin. Der Sternschnuppenfall in der Nacht. Das Gehen mit dem Kamel am Tag. Füße schreiten im Gleichklang. Kein Hindernis. Ja, ich hätte dich gerne begleitet.

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